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last update 18.10.2004
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Stuck in Khowarib - schlucht |
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Wieder einmal Februar in Südwest, und wir
wollten von Kamanjab nordwestlich ein paar Tage ins Kaokoveld und an den
Kunene. Mit allerlei Kartenmaterial hatte ich ein paar Tracks ausgeguckt.
Durch die Khowarib-Schlucht ging auf der obligatorischen Shell-Karte eine
gestrichelte Linie, ein 4x4-Track, wozu aber unser guter Andreas, Farmer
und Mann für alles, bei der Tourbesprechung kein Wort verloren hatte. Und
ich dachte, dieser Track sei doch die perfekte Abkürzung von Kamanjab nach
Sesfontein. Nach Kamanjab noch ein paar Kilometer auf
der guten Pad, dann irgendwann durch ein Viehgatter links ab in die Pampa.
Etwa achtzig Kilometer lang sollte dieser Track zwischen den beiden Main
Roads sein. Wir mit unserem Hilux unterwegs, hatten sogar ein handheld GPS
dabei. Welch Luxus! Ein uraltes Ding, eines der ersten Generation, noch
ein richtiger Kasten, aber es funktionierte. Wir fuhren westwärts, immer
der Fahrspur entlang, durchs Buschland. Völlig einsam. Kilometer um
Kilometer. Wenn sich die Spur mal verzweigte, war reines Glück gefragt. Einmal hatten
wir Pech und kamen dooferweise Richtung Süden ab. Wie ein Wunder kam uns
gerade da ein Wagen entgegen. |
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Ein Pick-up mit lauter Herero-Frauen mit
ihren typischen Kopfbedeckungen auf der Ladefläche. Der Fahrer sehr nett.
Ja, hier seien wir falsch, wieder zurück, ihm hinterher, und er brachte uns
wieder auf die richtige Spur, bevor er im Buschland verschwand. Ansonsten
stießen wir nur noch einmal auf Menschen: An einem Veterinary Control Post
am Rinderzaun. Eine baufällige Hütte, ein halbnackter Officer mit
Dienstmütze, eine Horde von Kindern und Kleinvieh. Auch dieser Typ
supernett. Von ihm bekamen wir sogar eine Kopie einer Karte, die die Gegend
der vor uns liegenden Schlucht in großem Maßstab zeigte. Danach nur noch
verlassene Hütten, offeneres Buschland und keine Fahrspuren mehr. Langsam
machte ich mir Gedanken. Immer öfters schaute ich aufs GPS und war froh, daß
ich es doch eingepackt hatte. Wir kamen an den Beginn der Schlucht, etwa
sechzig Kilometer westlich der Kamanjab-Pad. Durch die Schlucht sollten es
noch zwanzig Kilometer bis Khowarib sein, bis zur anderen Pad. Abgesehen von
den nicht mehr vorhandenen Fahrspuren standen wir auf einmal vor dem
Problem, daß sich ein ziemlich breites ausgetrocknetes Flußbett vor uns
auftat. Sand. Irgendwie verspürte ich innerlich etwas Angst, ohne es selbst
zu merken. Tausend Szenarien von Wüsten- und Buschgeschichten schwirrten
durch meinen Kopf.
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Wären wir mit zwei Autos unterwegs oder
hätten wir einen dabei, der die Gegend kennt, dann hätte ich mich schon
viel wohler gefühlt. Es war nur klar, daß wir auf die andere Seite des Flußbettes müssen.
Eine Art Ausfahrspur ein Stück weiter weg, also mußten wir sogar etwas im
Flußbett entlang fahren. Okay, dann muß es wohl so sein. Allrad rein, die
Untersetzung, und los. Zuerst lief’s ja noch ganz gut, der Sand trug gut.
Bis kurz vor der Ausfahrt. Trotz Vollgas wurde das Motorgeräusch immer
tiefer, ich mußte runterschalten, und schließlich ging’s auch im ersten
nicht mehr weiter. Die Karre saß im Sand fest. Ich hatte ja sowas
befürchtet, aber doch irgendwie nicht für möglich gehalten. Deshalb auch
auf’s Luftablassen verzichtet. Hatten breite Sandreifen, mit denen wir
bisher überall durchgekommen waren. Egal, die Scheiße jetzt jedenfalls da.
Die Karre im Flußbett im Sand eingegraben, keine Sau weit und breit, und die
Frau muß erst mal vor Angst hinter die Büsche kacken. Es war nachmittags
gegen drei, es windete, hatte Wolken. Fallstreifen am Westhorizont, und ich
hatte dauernd die Bilder von bis zu den Scheiben eingegrabenen Toyotas im
Kopf, die in einem trockenen Wadi vom Regen überrascht worden waren. Selbst
schuld, oder? Man muß doch schon saublöd sein, wenn man sich in solch eine
Situation bring? Oder? Die nächsten zwei Stunden vergingen mit
Gepäckausladen, Buddeln, Holz- und Steineschleppen und kläglichen
Anfahrversuchen. Als ich dann einmal wieder am Steuer saß, blitzte es auf
einmal durch mein Gehirn. Hey, Alter, was bist du für ein Idiot. Du hast
vergessen, die Vorderradnarben zu locken. Ich saß eben nicht in meinem Landy,
der vorne keine Freilaufnarben hatte. Ich sprang raus, lockte die Räder, und
welch Wunder, mit welcher Leichtigkeit der Hilux durch den Sand düste.
Geschafft! |
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Hey, Alter, was bist du für ein Idiot. Du hast
vergessen, die Vorderradnarben zu locken. Ich saß eben nicht in meinem Landy,
der vorne keine Freilaufnarben hatte. Ich sprang raus, lockte die Räder, und
welch Wunder, mit welcher Leichtigkeit der Hilux durch den Sand düste.
Geschafft! Die eigene Blödheit besiegt. Kurze Pause, wieder eingeladen. Es
war so kurz vor sechs, schon relativ nah am Dunkelwerden. Aber die Frau
wollte weiter. Und ich ließ mich dazu überreden, doch noch die „nur“ zwanzig
Kilometer bis zum Camp Site anzugehen. Dabei sprach all die männliche Logik
gegen ein Weiterfahren. Nachts in Afrika, offroad, dort, wo sich keiner
auskennt. Wer macht schon sowas? Noch solch einen Fehler machen? Wir fuhren
weiter und kamen auch gut voran. Das Camp Site vor Augen, den Hauch von
Zivilisation, oder vielleicht nur ein Zeichen menschlichen Daseins. Mit dem
jetzt auch wirkenden Allrad problemlos mehrmals durch den Fluß. Stockdunkel.
Buschland in den Lichtkegeln der Scheinwerfer. Bis es einen fetten Schlag
tat und sich die Karre ziemlich kräftig nach links neigte und stand. Das
war’s. Das Ende. Konnte es eigentlich noch schlimmer kommen? Es konnte.
Irgendwie war ich vom felsigen Flußufer abgerutscht. Die Karre hing jetzt
mit beiden linken Rädern im tiefsten Uferschlamm und mit der Stoßstange
hinten auf einem Fels. Keine Gedanken mehr an einen Bergeversuch. Es ging
nur noch darum, das Abkippen des Hiluxes in den Matsch des Flußes zu
vermeiden. Aber weit und breit nur runder Fels und Sand. Rein gar nichts,
woran man ein Seil hätte binden können.
Okay, jetzt piano piano. |
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Erst mal gar nichts tun. Abwarten, Pläne
machen, übernachten. Bauten das Zelt auf und taten so, als ob man schliefe.
Aber in meinem Kopf war gerade der Krisenstab zusammengetreten.
Altes Fliegerlatein:
Facts, Options, Risks and Benefits, Decision, Execution, Control.
Mir war klar, daß wir die Karre auch mit
dem Hilift hier nicht mehr ohne fremde Hilfe raus bekamen.
Anhand des GPS war ich mir unserer Position ziemlich sicher. Also nach
Westen laufen bis zur Pad. Wenn wir die erreichen, haben wir’s geschafft.
Bevor wir mit den Morgengrauen losliefen, hatten wir ein Schild ans Auto
geklebt, mit unseren Namen, unserer Laufrichtung, Datum und Uhrzeit drauf.
Im Notgepäck hatten wir hauptsächlich Wasser und das GPS mit allen noch
verfügbaren Batterien. Wir liefen Fahrspuren entlang, das paßte. Hügelig,
felsig, und die Frau redete von Raubtierschatten da hinten. Ich sah zwar
nichts, aber mit unserer Machete alleine wollte ich keinem Leoparden in
die Augen sehen. Und sie meinte dann, ich sollte doch einfach mal
schreien. Das konnte nichts schaden. Ich schrie haaaaalllooooo durch die
Schlucht. Haaaallllloooo. Und auf einmal stand ein Schwarzer in
Militäruniform vor uns auf dem Weg. Rettung, geschafft. Ich weiß nicht
mehr, wie er hieß. Jedenfalls brachte er uns zu seinem Boß, einem
Wildhüter, in einer Hütte im Buschland, und vor der Hütte ein alter Landy.
Mir wurde warm ums Herz. Wieder mal Glück gehabt. Die beiden hier vom
Save-the-Rhino-Project.
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Wir erzählten unsere Geschichte.
Natürlich bat er uns seine Hilfe an, nur habe er in seinem Landy nicht mehr so viel Sprit.
So fuhren wir erst nach Khowarib, einem Nest aus Lehmhütten, um etwas
Sprit aufzutreiben. Fehlanzeige. Aber in unserem Hilux hatten wir ja genug
davon. Also zum Ort des Unglücks. Wir tankten um. Und jetzt, rausziehen?
Auch der Wildhüter-Boß meinte beim näheren Hinsehen, das sähe ziemlich
schlecht aus. Trotzdem versuchten wir es, doch schon beim ersten Versuch
riß das Seil. Sein Vorschlag war dann, nach Sesfontein zu fahren, denn der
Manager der Lodge dort besitze einen LKW: So fuhren wir die sechzig
Kilometer dorthin, ein Stündchen voller Schwätzchen mit den beiden
Wildhütern. In Sesfontein trieben wir den Manager auf, einen ziemlich
coolen Typen. Der bot mir erst mal ein Bierchen an und ich erzählte ihm
unsere Geschichte. Nein, sein Lorry habe Vergaserprobleme, aber wir
bekämen das schon hin. Er kommandierte seine schwarzen Hiwis rum und nach
dem zweiten kühlen Bierchen fuhren wir zur Bergung los. Er mit einem
modernen 4x4-Nissan-Pick-up, mit Stahlseilen und Manpower auf der
Ladefläche, und die Wildhüter im alten Landy. Ich saß im Nissan, staunte
über die lockeren Geschichten des Managers, dem es sichtlich Spaß machte,
zu einer Recovery-Aktion raus in den Busch zu fahren. Am Unfallort
schwärmte die schwarze Manpower wie Arbeitsbienen aus, um den Hulux
freizubuddeln. Und wir standen mit dem Manager und dem Wildhüter drumherum
und philosophierten über die erfolgversprechenste Bergungsmethode. Erst
den Hilux mit Stahlseilen gegen Umkippen sichern, dann mit dem Hilift über
die Felskante hieven, und schließlich mit zwei Autos vorsichtig
rausziehen. Es funktionierte. Nach Stunden hatten wir ihn frei.
Unglücklicherweise blieb der Landy just in dem Moment, als der Hilux
wieder Traktion hatte, in einem Sandloch stecken, und ich touchte den
Landy am Kotflügel. |
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Ein Landyblinker mußte dran glauben. Der Wildhüter
nahm’s gelassen. Alle happy, alle zurück in die Lodge, ins Fort nach
Sesfontein, alle hockten beim Bierchen. Nein, dachte ich, sowas nicht
nochmal. Nicht nochmal solche Angst, nicht nochmal die (eigene) Karre
versenken. Irgendwie war ab da mein Hunger nach unendlichem Abenteuer
etwas gestillt. Ich kam mir erwachsener geworden vor, um eine Erfahrung
reicher. Ab da nicht mehr so unbeschwert und draufgängerisch. Vielleicht
hab ich auch da das erste Mal so richtig Angst gehabt. Nein, weitere
Abenteuer im Kaokoveld verschoben wir erst mal. Machten erst mal etwas
Dolce Vita mit kühlen Savannas und verbrachten ein paar Tage in Etosha,
bevor es dann schon zur nächsten Tour nach Botswana ging.
Diedel
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